Interview mit der ehemaligen Pfarrerin Kachunga

Pfrn. Kachunga

Gott wird sich um diese Gemeinde kümmern

 

Nach acht Jahren im Vogelsberg, davon fünfeinhalb Jahren Pfarrdienst in der Kirchengemeinde Landenhausen sowie in Angersbach und Rudlos wird Pfarrerin Kornelia Kachunga am 7. Juli in einem Gottesdienst verabschiedet. Sie zieht mit ihrer Familie in den Rodgau und tritt dort eine neue Stelle an. Im Interview blickt sie zurück.

Frau Kachunga, zurzeit verabschieden Sie sich von vielen Menschen, mit denen Sie hier in Landenhausen und Umgebung  gelebt und gearbeitet haben. Wie geht es Ihnen?

Ich bin zugleich traurig und wehmütig, andererseits aber auch voller Vorfreude auf das, was kommt. Ich begegne in diesen Tagen immer wieder Menschen, die enttäuscht sind, dass wir gehen. Sehr viele zeigen aber auch Verständnis und geben mir und meiner Familie gute Wünsche mit auf den Weg.

Mal abgesehen davon, dass ein Stellenwechsel im Pfarrberuf ja nichts Ungewöhnliches ist, was ist das Besondere an Ihrem Abschied von Landenhausen?

Veränderung gehört schon immer zu meinem Lebensgefühl dazu. Ich bin selbst im Pfarrhaus groß geworden und wir sind sehr oft umgezogen. Dass man alle paar Jahre die Gemeinde wechselt ist im Pfarrberuf ganz normal. Von 2005 bis 2007 habe ich in Lauterbach und Heblos mein Vikariat gemacht und bin anschließend für das Pfarrvikariat, die letzte Phase der Ausbildung, nach Landenhausen gekommen. Im Dezember 2010 wurde ich zur Pfarrerin auf Lebenszeit ernannt. Im Vogelsberg konnte ich die ersten Schritte in den Beruf gehen und blicke dankbar auf diese acht Jahre zurück.

Was schätzen Sie an Ihrem Beruf? 

Ich liebe meinen Beruf. Ich werde mit den verschiedensten Lebensläufen konfrontiert. Die Menschen stellen mir Fragen und lassen mich Anteil nehmen an ihren Herausforderungen und Erkenntnissen. Die schönsten Augenblicke sind die, wenn man im Miteinander etwas spürt von Gottes Gegenwart, wenn während des Gespräches eine vertraute Atmosphäre entsteht, wenn auch Raum für Tränen ist und das Gebet nicht unter der Zimmerdecke halt macht.

Gibt es auch Erwartungen, die sich bisher nicht erfüllt haben?

Anders als erwartet ist das Leben im Pfarrhaus. In meiner Kindheit gingen in den Pfarrhäusern, in denen wir lebten, viele Menschen ein und aus. Da war immer etwas los. Hier in Landenhausen haben leider nur vereinzelt Leute unverhofft an der Tür geklingelt.  Vielleicht wollten sie aber einfach nur Rücksicht nehmen, da wir mit zwei Kleinkindern oft genug zu tun hatten. Trotzdem fanden wir das als Familie schade.

Sie sind in Radebeul und Auerbach aufgewachsen, haben zunächst in Leipzig und dann sechs Jahre lang in Island studiert. Wo ist heute Ihre Heimat?

Es klingt vielleicht hart, aber ich denke, es gibt keinen konkreten Ort, an dem ich ganz zu Hause bin. Ich würde sagen, ich bin bei mir in meinem Glauben zu Hause und ich kann letztlich überall leben, wo Menschen bereit sind, mich aufzunehmen.

Dennoch werde ich „mein“ Dorf und „meine“ Kirche vermissen. Wenn ich auf der Bundesstraße aus Richtung Fulda komme und Landenhausen erblicke, da habe ich schon so etwas wie Heimatgefühle.

Auch die Ruhe, die Weite, die Natur werde ich vermissen. Wie oft bin ich nach fünf Minuten Fußweg im Feld gewesen, hatte einen wunderbaren Blick in die Rhön, habe die verschiedenen Gesichter der Felder zu den verschiedenen Jahreszeiten beobachtet. Ich mochte die Begegnung mit Menschen hier und dort, der kleine Schwatz über den Gartenzaun. Es war eine schöne Zeit und es fällt mir schwer, die Menschen zu verlassen, denn ich habe auch viel von mir selbst gegeben. Einen Teil von mir lasse ich hier zurück.

Auf welche Weise hat Sie das Dorfleben noch verändert?

Am Dorfleben lieben gelernt habe ich das Eingebundensein in die ganz elementaren Prozesse des Lebens: säen, pflanzen, ernten, ausreißen. Bauen, umbauen, anbauen. Versorgen von Rindern, Schafen, Ziegen, Pferden, das Bestellen der Felder und das Herstellen von Wurst. Mit solchen Prozessen bin ich in der Stadt als Kind, Jugendliche und Studentin nicht konfrontiert worden.

Neu war für mich die Erfahrung unter Beobachtung zu stehen und bewertet zu werden. In Gesprächen mit Zugezogenen habe ich immer wieder gehört, dass es ihnen schwer fällt, Teil der Dorfgemeinschaft zu werden. Ich bin bis heute ratlos, wie man zwischen Neuzugezogenen und Alteingesessenen vermitteln kann, zumal ich ja selbst eine Zugezogene bin. Mein Beruf hat allerdings bewirkt, dass ich schneller integriert war, als andere.

Wie werden Sie die Zeit hier im Vogelsberg in Erinnerung behalten?

Vor allem bin ich dankbar. Es waren für mich sehr erfüllte Jahre, in denen ich von den mir anvertrauten Menschen viel Wertschätzung und Unterstützung erfahren habe. Große Freude hat mir die Arbeit mit dem Kirchenvorstand in Landenhausen gemacht. Mit ihrem Engagement, ihrem Glauben und ihrem Humor haben mich diese Menschen bereichert. Wir haben an einem Strang gezogen, gemeinsame Lösungen gefunden und viel gelacht.

Welche Höhepunkte in dieser Zeit, gingen Ihnen besonders nahe?

Sehr ergreifend fand ich die Festgottesdienste anlässlich des 1200-jährigen Bestehens von Landenhausen im vergangenen Jahr. In diesen Feiern haben sich Dorfalltag und Gemeindealltag wunderbar verbunden. Sonst feiern wir ja immer wieder Festgottesdienste anlässlich von Vereinsjubiläen. Diesmal aber hatte das Dorf selbst ein Jubiläum und die Kirche war voll. Für mich wurde sichtbar, dass so vielen Menschen doch etwas an ihrer Kirche liegt, auch wenn sie keine regelmäßigen Kirchgänger sind. Die inhaltlichen Beiträge für die Gottesdienste kamen fast ausschließlich von den Vereinsleuten. Es war eine besondere Gemeinschaft, von der ich sehr gerne mehr sehen und erleben würde.

Ende Juli steht der Umzug nach Obertshausen an. Was wird sich verändern?

Sicher wird es ein anderes Leben und Arbeiten werden. Wir ziehen vom Dorf in eine Kleinstadt. Bisher hatte ich zwei halbe Stellen mit insgesamt 2.800 Gemeindegliedern, von denen ca. 1.000 in Landenhausen wohnen. Nun werde ich gemeinsam mit einem Amtskollegen für 4.500 Gemeindeglieder zuständig sein. Die Gemeinde setzt andere Schwerpunkte: Zum Beispiel unterstützt sie Missionare in Russland, Kenia, Indien und Paraguay. Es gibt Hauskreise und Jugendgottesdienste sowie ein großes Bauprojekt, in dem Kirche und Gemeindehaus miteinander verbunden werden. Da gibt es viel zu tun und ich freue mich darauf, mit anzupacken. Ich wurde aber auch schon vorgewarnt, es gebe in Obertshausen keinen „Amtsbonus“.

Und was wünschen Sie „Ihrer“ Gemeinde zum Abschied?

Ich wünsche meiner Gemeinde, dass sie ein starkes Gottvertrauen hat und die feste Zuversicht, dass Gott treu ist und sich um diese Gemeinde kümmern wird, wie er es seit jeher getan hat.

 

Text & Foto: Michaela Rojahn

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